Neulich vor dem Prüfungsausschuss (Schürfgeschichte)

Das Spiel des
Lebens

Lustig-Weltbewegend-Tiefgründiges

von Mensch zu Mensch

Eines Tages ging ich des Nachts wie gewohnt zu Bett, schlief ein und wachte - Gott sei´s getrommelt - am nächsten Tag nicht mehr auf. Im hohen Alter von 82 Jahren erbarmte sich endlich das Leben und entließ mich aus der gähnenden Langeweile des Alltags. Meinen Restdaseinszweck der vergangenen 15 Jahre als Konsument zum Wohle des Bruttosozialprodukts, Quotenstütze für das Fernsehen und Stammkunde der Stadtapotheke musste nun ein anderer ausfüllen. Und während ich noch mit einem für die Unendlichkeit des Nichtseins gedachten Abschlussseufzer mein Haupt für die Ewigkeit entschlummern ließ, stand ich sogleich mitten in einem hellen Flur in einer Reihe von allerseltsamsten Wesen und Kreaturen Schlange.


„Na bravo“, dachte ich verwundert. „Muss man selbst vor dem ewigen Ruhesofa noch Schlange stehen?“ Statt dem ewigen Schlummer in der Endlos-Glückseligkeitsschleife hüpften mir lauter gut gelaunte, seltsame Wesen vor der Gleitsichtbrille herum. Es herrschte eine Hochstimmung wie auf dem Faschingsball anno Tobak, als man der Vroni das aller erste Mal an die Wäsche ging. Aber es konnte doch nicht angehen, dass gestorben mehr los ist als die vergangenen 10 Jahre lebendig. Schließlich will man doch in Ruhe entschlafen!


Als ich die Wesen um mich herum befragte, was sie denn für seltsame Kasper seien und was in Gottes Namen denn so lustig ist, schwallte mir nur ein unverständlicher Kauderwelsch entgegen. Es klang etwa wie „Huckedagge“, „Zwirlwam“ oder „Flöderfinz“. Das war mir aber eigentlich auch sichtlich egal, denn letztendlich wollte ich nur wissen, weshalb ich hier dämlich herumstehen musste, anstatt mich im Höhepunkt jeglicher Menschheitsphantasie, dem paradiesischen Dauerschlummer, für immer und ewig im Universum zu versenken.


Seltsamerweise fühlte ich mich gestorben zunehmend frischer und fideler, was mir aber schon gleich gar nicht in den Kram passte. Schließlich wollte ich ja entschlafen und nicht putz-muntern! Derart mangelhaft gelaunt, blieb ich noch eine Weile in der Reihe und schaute dem bunten und lustigen Treiben fassungslos zu. Einzeln betrat ein Zwirlwam und Huckedaggel nach dem anderen einen Raum am Ende des Flurs. Zum jeweils Nächsten verging eine Mordszeit, die mir seltsamerweise kurz und ewig zugleich vorkam. Als ich weiter vor und weiter hinter mich blickte, sah ich noch mehr seltsame und andersartige Wesen. Alle waren entsetzlich gut gelaunt, bis auf … ah da hinten war noch ein Mensch, der allerdings sehr betröppelt dreinschaute. Er wirkte als hätte er etwas verbockt und als würde er ahnen, was auf ihn zukam, hahahahaha. Apropos! Was kam eigentlich auf mich zu? Wie komme ich überhaupt hierher und warum stehe ich in dieser dämlichen Schlange? … hmmm, man könnte ja den Betröppelten da hinten fragen? Aber einerseits würde man dann ja den Platz vorne in der Reihe aufgeben und andererseits, wenn das ein Ithaker ist, dann wüsste man genauso wenig wie vorher. Und außerdem, was sollte hier schon kommen! Wahrscheinlich wird einem nur das ewige Schlafplätzchen zugewiesen. Also lieber mal den Ball flach halten. Sollte wider erwarten so ein Hutschnaggl frech werden, dann würde man ihm die Mütze schon zurecht dengeln.


Nach einer weiteren kurzen Ewigkeit hatte ich aber endgültig die Warterei satt. Ich wollte ewig schlummern und nicht hier meine wohlverdiente Ewigkeit verplempern. Also drängelte ich mich wie früher im Supermarkt an der Kasse einfach vor und rüttelte sogleich an der Tür, die sich allerdings nicht öffnen ließ. Da kochte mir schon langsam der Topf über. Doch während ich gerade kurz vor dem Überkochen war, öffnete sich plötzlich die Tür von selbst. Ich fackelte nicht lange, drängte die Pappnasen um mich herum gekonnt zurück, trat ein und sah mich sogleich in einem hell erleuchteten Raum wieder.


Es machte den Eindruck von einer Art Gerichtssaal, der aber ungewöhnlich fröhlich wirkte. Darin saßen einige Damen und Herren, die gleichzeitig einen sehr ehrwürdigen und locker-freundlichen Eindruck machten. Die vorherigen Gespräche schienen ihnen sichtlich Freude bereitet zu haben. Es dauerte nicht lange, da sprach mich einer an, was ich denn sei: „Ein Zwirlwam, Huckedagge oder gar ein Schnadelwipf?“. „Ein Mensch bin ich, sieht man doch!“, antwortete ich sogleich etwas genervt. Da wich die Freude und Ausgelassenheit schlagartig aus den Gesichtern. „Na endlich sind die Burschen mal mit dem gebührenden Ernst bei der Sache“, dachte ich bei mir, denn eine Sterbekonferenz ist ja schließlich keine Geburtstagsparty!


„Okay, ein Mensch“, sagte derjenige, der mich angesprochen hatte nach wie vor sehr freundlich, aber mit einer seltsamen Melancholie in der Stimme. „Na gut, dann erzähl mal wie es Dir ergangen ist, was Du bewirkt hast und was Du gelernt hast“. „Was soll ich denn gelernt haben!?“, fragte ich sogleich verwundert. „Ah, Du scheinst noch nicht ganz bei Dir zu sein“, sprach er nachdenklich. „Seltsam, normalerweise sind sich eigentlich alle Rückkehrer aus dem Leben am Ende des lichten Aufwachflurs wieder ihrer selbst bewusst. Selbst die Langsamsten – also diejenigen, welche die letzten Lebensjahrzehnte nur noch damit zugebracht haben, ihren Geist auf ein ewiges, universales Sofa auszurichten - sind danach eigentlich schon wach. Aber gut, wir helfen Dir gerne auf die Sprünge …


Du bist hier im Prüfungskomitee nach dem Leben und wir erörtern mit Dir gemeinsam die Erfolge Deines Lebens, sprich ob Du das, was Du Dir für Dein Leben vorgenommen hast umsetzen konntest. Also wie bist Du denn in diesem Leben voran gekommen?“


„Gut, sehr gut“, fiel ich sogleich in meine gegenüber Obrigkeiten gewohnt dienstbeflissene Manier. „Ich hatte eine Firma, mit der ich sehr erfolgreich war. Den Laden und meine Mitarbeiter hatte ich hervorragend im Griff, so dass ich es schlussendlich auf 3 Mietshäuser, 4 Eigentumswohnungen, Aktienpakete im Wert von 423.548,60 € und sonstige Geldanlagewerte mit gesamt 153.720,30 € brachte. Natürlich war ich auch immer sehr sparsam, vor allem meinem Personal gegenüber. Wie Sie ja wissen, wollen diese Nimmersatt ja immer gleich die ganze Hand, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, haha. Ja und ach so genau, zu den Vermögenswerten kommen natürlich auch noch meine Yacht am Hafen von Marseille, die Kegelbahn und Saunalandschaft im Keller und ein nicht zu verachtender Porsche Cayenne als Drittwagen hinzu. Also ich denke, damit kann ich mich schon sehen lassen!“ Ja und da waren sie sichtlich baff, die Herren und Damen vom Prüfungsausschuss. So eine Erfolgsstory hatten die Zwirlwams und Flöderdödels wohl nicht aufzuweisen.


„Oh je“, antwortete hingegen der Oberknecht entsetzt, „Du bist ja noch fast gar nicht aus Deinem Leben aufgewacht. Na gut, dann noch genauer. Also, was uns interessiert ist folgendes:


  1. Wie bist Du mit Deiner Umwelt, der Natur umgegangen?

  2. Wie hast Du die Dir anvertrauten und unterstellten Lebewesen, also die Tiere gehegt und beschützt?

  3. Wie hast Du Dich gegenüber Deinen Mitmenschen, gegenüber Schwächeren und Benachteiligten verhalten?

  4. Wie bist Du mit dem Geschenk des Lebens in Form Deines menschlichen Körpers umgegangen?

  5. Ist es Dir gelungen Deinen Charakter zu festigen?“


„Oh, oh“, dachte ich. „Was stellt denn der für weltfremde Fragen!“ Aber gleichzeitig begann es tief in mir ganz leicht zu dämmern. Deshalb antwortete ich mit zerbrechlichster Vorsicht: „Ich habe ganz selten etwas Blödes gemacht!“


„Okay prima“, antwortete der Oberguru. „Ah, da kommt er ja. Soeben haben wir den aktuellen Statusbericht der Erde bekommen. Wir sind nämlich eigentlich auf die Welten der Zwirlwams spezialisiert und somit in Sachen Erde nicht so auf dem Laufenden.“ Alle begannen erwartungsfroh den Bericht zu lesen. Doch je weiter sie darüber brüteten, desto ernster wurden die Mienen, der sonst so fröhlichen Prüfungsrunde.


„Soso, Du hast also ganz selten etwas Blödes gemacht?“, begann nun ein anderer, der mir schon gleich nicht so sympathisch war. „Wie wir hier lesen ist die Natur auf der Erde nahe dem Kollaps. In den Meeren schwimmen Kontinente von Plastikmüll. Die Seen und Flüsse sind mit Industriegiften und Medikamentenresten kontaminiert. Die Äcker sind übersäuert und ausgelaugt und tragen fast ausschließlich naturfern gezüchtete Monokulturen. Bodenschätze wurden ohne Rücksicht auf Verluste gehoben und in massenhaft nutzlosen Produkten verbaut. Die Wälder sind vielerorts gerodet. Die Luft ist verschmutzt, die Ozonschicht bereits aufgeplatzt, um die Erde kreist eine Unmenge von Weltraumschrott. Wildtiere sind in minimale Lebensräume eingezwängt, Haustiere sind verzogen und überfüttert und sogenannte Nutztiere …“ - „Na was hat er denn“, dachte ich, der fängt ja gleich zu flennen an.


„Nutztiere …“, fuhr eine andere fort, da der vorherige Geselle scheinbar außer Gefecht war. „Nutztiere werden rein als Ware betrachtet, als Stück Vieh. Vieh wird lediglich noch schlechter behandelt als Ware, weil es ja nicht so schnell kaputt geht, wie beispielsweise ein Kunststoffspielzeug. Die Qualen des sogenannten Viehs, das in Wirklichkeit Euch schutzbefohlene Lebewesen sind, lässt Euch Menschen größtenteils kalt.“


„Ich weiß gar nicht, was die hat. Ich hab noch nie einen traurigen Schweinsbraten mit Knödel gesehen“, witzelte ich innerlich in alter Stammtischmanier, während ich äußerlich dienstbeflissen leicht betröppelt dreinschaute – in etwa so wie der eine, der hinter mir in der Reihe stand. Vielleicht ahnte der schon, dass man hier vom Tierschutzverein ausgequetscht wird. Aber nicht mit mir, denn schlagfertig wie ich war, brachte ich sofort ein unschlagbares Argument hervor: „Was kann ich denn dafür! Ich war weder Metzger, noch ein Aufpassfutzi im Zoo und die Plastiktüten habe ich auch nicht in den Ozean geschmissen; schließlich lebte ich mitten in Bayern und nicht bei den Fischköpfen an der Nordsee. Wenn andere so was machen, dann muss man das doch denen vorhalten. Hinter mir in der Reihe war einer, der hatte eindeutig ein schlechtes Gewissen. Soll ich den mal schnell herein holen?“


„Soso“, fuhr eine weitere der edlen Damen freundlich aber bestimmt fort. „Du hast also gedacht, der Müll, den Du in den Abfall wirfst, löst sich in Luft auf - von den Schnapsflaschen, die Du auf Deiner Yacht in Marseille während Deinen Vergnügungen mit einigen Häschen über die Reling geworfen hast mal ganz abgesehen. Du hast vermutlich auch gedacht, dass Deine Lieblingsspeise Schweineschnitzel auf dem Schnitzelbaum wächst. Dass Tiere unwürdig gehalten wurden, konntest Du nicht wissen. Du gingst logischerweise davon aus, die werden von ihren Besitzern zufällig immer gerade dann draußen Gassi geführt, wenn Du gerade woanders warst. Und weil sich das Nutzvieh abends oft auf Partys herumtrieb, musste man ihm tagsüber die Fenster abdunkeln, damit es besser seinen Rausch ausschlafen konnte. Dass für den Teakholzstuhl, auf dem Dein Hintern saß, der brasilianische Regenwald getilgt wurde, konntest Du ebenfalls nicht im Entferntesten erahnen. Schließlich standen solche Dinge immer weit hinten in der Zeitung. Nach dem Studieren der elementaren Intelligenzforschungsergebnisse des RTL-Dschungelcamps und der wissenschaftlichen Analyse der 90:60:90-Dame auf der Bildzeitungsrückseite, hattest Du keine Zeit mehr zum Weiterlesen. Schließlich rief Dich wichtige Arbeit. Deine Arbeit war ohnehin essentiell für die Menschheit, weil diese ohne die von Dir produzierten Design-Kugelschreiber quasi dem unmittelbaren Verfall ins Nichts ausgesetzt gewesen wäre. Immens wichtig war auch Dein Engagement in Form von Aktienanteilen an der Nahrungsmittelindustrie, die aus künstlichen Aroma- und Farbstoffen wertvolle Nahrungsmittel mit dem Nährwert von 4 Metern Feldweg schuf. Deine Mitarbeiter schwärmen heute noch in den höchsten Tönen von Dir. Schließlich durften Sie ja von Dir lernen, was hemmungslose Effektivität und Leistungsfähigkeit bedeutet. Darüber hinaus hast Du Deinen Mitarbeitern die Gnade eines einfachen Lebens ermöglicht, da Sie sich dank Deiner Großherzigkeit mangels finanzieller Reserven über Freizeitgestaltung wenig Gedanken machen brauchten. Trotz offensichtlicher Undankbarkeit seitens Deiner Untergebenen, die Deinen pausenlosen Einsatz um deren Wohl nur allzu oft mit dem Vortäuschen von Krankheiten und Burn-out honorierten, warst Du immer bereit, sie freiwillig zur häuslichen Erholung aus Deinem Dienst zu entlassen … Wir dachten eigentlich, Du wolltest ein Mensch sein. Deine Geschichte hört sich aber eher nach einer Wolpertinger-Mischung aus Wildsau, geilem Bock und sturem Rindvieh an.“


„Na also, … das muss ich mir doch aufs Äußerste verbitten!“, stotterte ich mit hochrotem Kopf der unverschämt, freundlichen Dame entgegen. „Immerhin war ich im Stadtrat und angesehener Honoratior!“. Unglücklicherweise machte sich gleichzeitig ein zunehmendes Grummeln in Form meines erwachenden Bewusstseins in meiner Magengrube breit.


„Ja, das sieht man“ fuhr die gestrenge Herrin fort. „Deine ganze Erscheinung wirkt sehr honorig. Deine Halbglatze wird sanft und seidig von honorig-fettigem Haar bedeckt. Das Schweinebratenfett duftet selbst jetzt noch melancholisch aus all Deinen geistigen Poren. Dein Geschlechtsteil ist mangels direkter Sicht infolge Deiner Wampe von zahlreichen, übelriechenden Geheimnissen umwittert. Und immer wenn dieses Geheimnis des Potenzglaubens beim Urinieren von acht Hefeweizen gelüftet wurde, freuten sich sofort die Schmeißfliegen am aufströmenden Odeur. Für Deinen fein säuberlich übersäuerten Organismus opferte sich in freudiger Erregung Dein großer Zeh der Gicht, was ihr innerhalb geplagter Honoratioren-Kreise in treffend, abgrundtiefem Humor als „die Rache der Schweine“ tituliert hattet. Deine allseits präsenten Aufstosser aus der Magengegend, luden andere Menschen zur Flucht ein und verströmten in Deinem Dunstkreis eine lieblichen Schall.“


Und da dämmerte es mir endgültig. Ich wurde ganz kleinlaut und fragte „Muss ich jetzt noch mal?“


„Ja natürlich“, antwortete das gute Wesen nach wie vor sehr liebevoll. „Zurück auf Los, noch mal von vorn, solange bis es klappt! Willst Du dieses Mal Vorstandsvorsitzender der deutschen Bank werden, Parteivorsitzender einer freien, demokratischen Partei oder Bundeskanzlerin?“


„Ooch nö“ antwortete ich. „Da schaffe ich es doch wieder nicht ein guter Mensch zu sein! Kann ich nicht mal eine Rolle haben, in der man es leichter hat, das Richtige zu tun, z.B. als Putzfrau?“ „Das musst Du Dir erst mal verdienen“, entgegnete darauf die Ratsdame und wünschte mir: „Viel Glück im neuen Leben!“ …




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„Ich weiß nicht, ob Jesus Christus ein Narr war, aber in jedem Fall muss er verrückt gewesen sein! Anstatt den damaligen Römern und Pharisäern Liebe und Einheit nahe zu legen, hätte er genauso gut einer Horde von Menschenfressern die Vorzüge der vegetarischen Küche anpreisen können! ...


Da kann man sich leicht die Wahrscheinlichkeit ausrechnen, mit der man im Kochtopf landet. Viele Menschen haben dementsprechend bis heute aus seinem Wirken nur die Erkenntnis gezogen, wie man andere noch ausgebuffter auskochen kann.“